Merkel in Konfrontation mit der Realität der deutschen Asylwerber

Bundeskanzlerin Merkel mit der Flüchtlingsrealität konfrontiert

Politik trifft Realität: Einem Mädchen aus Palästina droht die Abschiebung. Beim Bürgerdialog erzählt sie der Kanzlerin ihre bewegende Geschichte. Merkel zeigt sich hilflos – oder gefühlskalt wie es viele Bürger aus Deutschland sehen!

Als Reem anfängt zu weinen, unterbricht Angela Merkel ihre Rede. Sie bemerkt, dass das Mädchen zu weinen begann und sagte zu ihr: „Ach komm.“ Dann geht sie auf das Mädchen zu, streichelt ihr über den Kopf und sagt: „Du hast das doch prima gemacht.“ Die Kanzlerin hat zu so einer heiklen Situation scheinbar etwas missverstanden, wie es auch dem Moderator aufgefallen ist. „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Prima-machen geht“, sagte er.

Nein, Reem hat kein Lampenfieber. Zehn Minuten lang hat sie der Kanzlerin während des Bürgerdialogs in einer Schule in Rostock ruhig und ausgesucht höflich ihre Geschichte erzählt (das ungeschnittene Video findet man auf der Seite der Bundesregierung). Dass sie eigentlich aus Palästina stamme, aber vor vier Jahren über den Libanon nach Deutschland gekommen ist und sie sich sehr schnell integriert hat. Sie erzählte auch, dass ihr Vater nicht arbeiten darf, weil die Familie keine Aufenthaltsbestätigung hat und sie fast abgeschoben wäre.

„Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht“

„Ich bin ja jetzt hier“, sagt Reem. „Aber ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht, solange ich nicht wirklich weiß, dass ich hierbleiben kann.“

Die Kanzlerin weiß das auch nicht. Und weil sie Angela Merkel ist, tut sie auch nicht so, als wüsste sie es. Es sei nicht gut, wenn die Prüfung von Asylanträgen zu lange dauert, sagt sie. Es müsse ein beschleunigtes Verfahren geben – „davon könntest du vielleicht auch profitieren. Und dann sagt man Ja oder Nein.“ Merkel will niemandem etwas versprechen, das sie nicht halten kann. Auch einer Sechstklässlerin nicht, die wissen will, ob sie in Deutschland eine Zukunft hat.

„Politik ist manchmal hart“, sagt Merkel zu Reem. „Es werden manche wieder zurückgehen müssen.“ Es sind keine glücklichen Botschaften, die Merkel den 32 Kindern der Paul-Friedrich-Scheel-Schule in Rostock zumutet, jedoch ist dies bittere Realität.

Shitstorm im Netz weil Merkel das Mädchen „streicheln“ wollte

Viele finden es herzlos als das Mädchen zu weinen begann und die Kanzlerin ihr sagt. „Ich weiß, dass das eine sehr belastende Situation ist. Und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln.“ Unter dem Hashtag #merkelstreichelt ist in den sozialen Medien eine heftige Debatte entbrannt. Der Tenor der meisten Kommentare: Eine gefühlskalte Bundeskanzlerin will die Probleme, die ihre Politik verursacht, einfach wegstreicheln. Dass der NDR ein gekürztes und damit dramatisiertes Video veröffentlicht hat, hat den Zorn wohl noch angeheizt.

Felix Seibert-Daiker sieht das anders. Er hat den Bürgerdialog moderiert, eigentlich arbeitet er für den Kinderkanal. „Natürlich hätten wir uns alle gewünscht, dass Merkel Reem in den Arm nimmt und sagt: ‚Du darfst bleiben'“, sagt er. „Aber so ist die Situation nicht.“

Dass Merkel sich herzlos verhalten habe, findet er nicht. „Sie hat menschlich reagiert, auf ihre Art“, sagt Seibert-Daiker. Und er empfinde Respekt, dass die Bundeskanzlerin „den Mut hatte, einem Kind deutlich die politische Situation zu erklären. Viele Kollegen hätten da weichspülerisch drum herumgeredet.“

Wie auch immer man Merkels Verhalten einschätzen mag: So unmittelbar wie bei diesem Bürgerdialog treffen Politik und Realität, Prinzip und Einzelfall, Kalkulation und Emotion nicht oft aufeinander. Die Debatte darüber, wie Deutschland mit seinen Asylbewerbern umgeht, wird wieder Fahrt aufnehmen. Und sie hat jetzt ein Gesicht: das einer Sechstklässlerin, die „hauptsächlich aus Palästina“ kommt.

 

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